Die Familie hat mich gebeten, ein kurzes Wort des Abschieds zu sagen.
Uns verbinden vielfältige Erinnerungen an Maria als Schwester, Mutter, Schwiegermutter, Großmutter, Urgroßmutter, Tante, Schwägerin, u.s.w.
Beeindruckt hat uns wohl alle die Willensstärke, Zielstrebigkeit und Ausdauer, mit der sie sich in ihrem Leben für die Dinge und Werte eingesetzt hat, die sie für richtig und wichtig hielt.
Das tat sie auf vielen Ebenen im ehrenamtlich-kirchlichen Bereich, wofür sie mit dem päpstlichen Orden „Pro ecclesia et pontifice“ ausgezeichnet wurde.
Für ihren Einsatz und ihr Engagement im öffentlichen, politischen Bereich erhielt sie das Bundesverdienstkreuz am Bande.
Der Eifer, mit dem sie für ihre Ziele kämpfte, brachte ihr den ehrenvollen Beinamen „Löwin des Kölner Nordens“ ein.
Für ihren rheinischen Frohsinn und Humor bekam sie ungezählte Karnevalsorden.
Nur der wesentlichste und umfangreichste Bereich, der des privaten und familiären Lebens, wurde mit keinem Orden bedacht. Doch genau hier wurden die Vorstellungen, Eigenschaften und Fähigkeiten, die ihr später öffentliche Anerkennung brachten, entwickelt und ausgeprägt. Zuerst in der Familie, in der sie aufwuchs, dann in der Familie, die sie selbst als Ehefrau und Mutter mitgestaltete. Deshalb möchte ich jetzt besonders diesen Bereich hervorheben.
Jeder von uns hat natürlich ein individuelles Bild entwickelt, und ich kann hier nur mein eigenes wiedergeben. Bei einem solchen Anlass ist die Versuchung groß, Dinge anders oder schöner darzustellen, als man dies zu Lebzeiten des Verstorbenen getan hätte. Ich bin deshalb froh, dass meine Mutter einen Brief aufbewahrt hat, den ich vor über vierzig Jahren (damals lebte mein Vater noch) an meine Eltern geschrieben habe. Als ich diesen Brief in den Nächten, die ich an Mutters Sterbebett verbrachte, las, wurde mir bewusst, dass meine Formulierungen heute vielleicht etwas anders wären, ich aber die Kernaussage bezüglich Anerkennung, Liebe und Dankbarkeit kaum verbessern könnte.
Obwohl mir das Vorlesen schwer fällt, versuche ich jetzt einige Sätze aus dem Brief zu zitieren:
In der letzten Nacht habe ich kaum geschlafen, so sehr war ich mit meinen Gedanken bei Euch. Ich habe daran denken müssen, wie zutreffend der Satz in dem Gebet für die Eltern ist, wo es heißt: „Vergilt, O Herr, was ich nicht kann, das Gute, was Sie mir getan!“
Jetzt, da ich eine eigene Familie gegründet habe, wird es mir besonders bewusst, wie viel ich Euch, Eurer Haltung in allen Fragen des Lebens und Eurem Vorbild zu verdanken habe. Wenn ich nun auf die Zeit zurückblicke, in der ich hauptsächlich unter dem Einfluss der Familie stand, stelle ich fest, dass das Bild der Familie, das Ihr beide als Euer Lebenswerk gestaltet habt, einen solchen Eindruck in mir hinterlassen hat, dass ich glücklich sein werde, wenn das Werk, an das ich mich mit Gitta mache, nur annähernd so gelingt wie Eures. Bei Euch war und ist spürbar, dass Ihr die Kraft für Euer Tun und Streben aus der Liebe schöpft. Wenn dieses Tun und Streben oft auch nur ein menschliches Bemühen ohne augenscheinlichen Erfolg war, wenn Ihr auch hier und da scheinbar auf Irrwegen ward oder Fehler begangen habt, so macht Euch das nur menschlicher und liebenswerter und erleichtert das Verständnis.
Vielleicht haltet Ihr das Gesagte für übertrieben oder geschmeichelt. Aber ich glaube, der Ehrlichkeit halber musste ich Euch das einmal sagen. Denn Eure Fehler wurden und werden Euch von Euren Kindern oft genug vorgehalten; und ich glaube für mich sagen zu dürfen, dass diese Vorwürfe, die ich Euch diesbezüglich jemals gemacht habe, nicht immer so gerechtfertigt waren, wie es eine Anerkennung gewesen wäre.
Es gibt zu viele Dinge, in denen Ihr mir durch Euer Beispiel zum Vorbild wurdet, als dass ich sie aufzählen könnte. Aber eins ist sicher, für mich gäbe es nichts schöneres, als wenn in dreiundzwanzig Jahren meine Kinder auch nur halb so gut von Gitta und mir dächten, wie ich von Euch denke.
Soweit das Zitat, in dem auch die Liebe als Quelle der Kraft erwähnt wurde.
Wie sehr Maria die Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe schätzte, zeigt ihr schriftlich hinterlegter Wunsch, nach ihrem Tod kein Totenamt sondern eine Auferstehungsmesse zu feiern, in der sie sich als Lesung „Das Hohelied der Liebe“ aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther wünschte, das mit dem Satz endet:
Für jetzt bleiben
Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
doch am größten unter ihnen ist die Liebe.